Bis eine Figur atmet oder: Wie wir Geschichten entstehen lassen
Wir werden oft gefragt, ob wir beim Schreiben auf die große Idee warten oder auf eine Figur, die sich irgendwann von selbst zeigt. Wir warten nicht. Wir schreiben, denn Inspiration ist für uns kein Moment, den wir herbeisehnen, sondern ein Zustand, in den man sich hineinschreibt. Wenn wir als Schwestern austauschen, passiert etwas. Zunächst ist es keine Magie, sondern Handwerk und Erfahrung und ein bisschen auch Kaffeehaus-Philosophie. Nadja ist unsere dramaturgische Expertin, Claudia übernimmt einen Großteil der Recherchen und der Textarbeit.

Wie wir Figuren entwickeln, bevor sie ein Wort sagen
Bevor wir schreiben, planen wir wirklich detailliert. Wir entwickeln den gesamten Verlauf eines Romans, bevor wir die erste Szene beginnen. Jede Figur bekommt zum Beispiel ein klares Ziel, eine geheime Sehnsucht und ein inneres Dilemma, das Ziel und Sehnsucht entgegensteht. Aktuell arbeiten wir besonders gern mit der Seven-Beats-Methode, die uns hilft, unsere Geschichte im Griff zu behalten, selbst wenn die Emotionen überkochen.
Diese erste Phase ist analytisch, ja, aber nicht trocken. Vor allem geht es lebendig einher, weil wir sehr viel diskutieren. Auch wenn wir Zwillinge sind, sind wir keineswegs immer einer Meinung. Unsere Erfahrungen, Sichtweisen und Temperamente unterscheiden sich. Wir sind uns gegenseitig Sparringspartner. Zuerst geht es emotional zu, jede vertritt leidenschaftlich ihre Überzeugung, manchmal entsteht etwas ganz Neues.
Es dauert Tage und manchmal Wochen, das Romangerüst nicht nur zu entwerfen, sondern auch zu prüfen. Trägt die Figur als Protagonistin, mit der man mitfiebern wird? Ist der Antagonist bedrohlich genug, und nicht nur schwarz-weiß? Gibt es genug Druck? Haben wir selbst Lust, dieser Geschichte ein Jahr unseres Lebens zu widmen?
Die Seven-Beats-Methode ist ein kompaktes Modell für den Erzählbogen eines Romans. Sie strukturiert die Geschichte in sieben zentrale „Beats“ – also Schlüsselmomente, die den inneren und äußeren Wandel der Hauptfigur sichtbar machen. Dazu gehören etwa der „Setup“ (Ausgangspunkt), der „Hook“ (auslösender Moment), der „Midpoint“ (Wendepunkt) und das „Final Image“, das zeigt, wie sehr sich die Figur verändert hat.
Inspiration ist ein Ergebnis, kein Auslöser
Viele Ideen begegnen uns nicht beim Schreiben, sondern beim Leben: Beim Lesen, Online, im TV, auf Reisen oder im Straßencafé. Eine Zeit lang, als ich (Claudia) ums Eck vom Erfurter Dom wohnte, ging ich gern am Wochenende in einer kleinen Bäckerei frühstücken, mit Blick auf das imposante Bauwerk. Ich dachte oft: Wie schön wäre es, dieses Bauwerk einmal in einen Roman zu packen. (PS: Die Idee realisierte sich nicht, weil uns damals der Stoff mit Margarethe Luther noch mehr begeisterte).
Wir erleben Inspiration nicht als göttlichen Funken, wie LeserInnen, die unsere Lesungen besuchen, oft glauben. Wir erleben sie durch eine tiefe Auseinandersetzung mit einem Thema und den Menschen der Vergangenheit, die frühere Zeiten erst lebendig werden lassen. Manchmal kommt Inspiration angerauscht, wenn wir ein historisches Detail entdecken, das uns überrascht oder wir ganz am Anfang wie zum Beispiel bei Marilyn und die Sterne von Hollywood erkennen: Diese einzigartige Frauengeschichte wurde widererwarten noch nicht erzählt. Wir wollen diesem kleinen, verletzlichen, einsamen, immer nach Liebe suchendem Mädchen eine Stimme geben.
Wenn die Inspiration beim Schreiben dann kommt, fühlt es sich an wie ein inneres Einrasten an. Die Figur steht nicht als dramaturgisches Konzept vor uns, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut mit glaubwürdigen Stärken und Schwächen, absolut liebenswert. Wir sehen die Zeit, in der sie lebt, hören, wie sie spricht, spüren, was sie antreibt, und was sie verletzt. Die Seiten schreiben sich dann fast wie von selbst. Fast.
Zauberhafter Funke?
Inspiration ist für uns kein zauberhafter Funke, sondern das Ergebnis intensiver Vorbereitung und Einarbeitung. Erst, wenn alles ineinandergreift, entsteht jener Moment, der magisch ist: Die Geschichte beginnt zu atmen. Was leicht wirkt, ist das Resultat von Klarheit, Handwerk und Neugier. Wir warten nicht auf Inspiration. Wir holen sie uns mit jedem Roman neu.

