Manchmal trifft einen die Geschichte mit voller Wucht
Manchmal stößt man beim Romanschreiben auf etwas, das einen lange nicht mehr loslässt. Bei der Recherche für unseren neuen Roman Im Sturm an deiner Seite (Kindersuchdienst 2) war es die Geschichte der Wolfskinder. Wir mussten immer wieder innehalten beim Lesen.
Wölfe aus Not: Wer waren die Wolfskinder?
Wolfskinder waren ostpreußische Kinder, die vor den sich von Osten nähernden Russen flohen und sich allein nach Litauen durchschlugen. Ihren Namen trugen sie, weil ihre Lebensweise denen von Wölfen ähnelte. Sie fanden sich zu Gruppen zusammen, versteckten sich in Wäldern wie Rudel und versuchten dort gemeinsam, irgendwie zu überleben. Dem agrarischen Litauen (Bestandteil der Sowjetunion) ging es nach Ende des 2. Weltkrieges vergleichsweise gut. So nahmen litauische Bauernfamilien die verwahrlosten Wolfskinder manchmal als Hütejungen, als Mägde, gegen Essen und ein Dach über dem Kopf auf. Manche nannten sie zärtlich Vokietukai, „kleine Deutsche“. Doch selbst diese Zärtlichkeit konnte sie das Leben kosten, denn wer deutsche „Faschistenkinder“ schützte, riskierte die Verbannung nach Sibirien.

Was uns so tief getroffen hat
… war nicht nur das Ausmaß des Elends, das niemand in so jungen Jahren erleben sollte. Es war die Erkenntnis, wie früh diese Kinder allein vor Entscheidungen standen, die selbst Erwachsene überfordern würden. Schon mit sechs oder sieben Jahren überlegten sie, wie sie die Nacht überleben, wen sie um Essen bitten konnten, wo es etwas zu stehlen gab und wann es zu gefährlich war, deutsch zu sprechen. Sie wurden nicht beschützt, wie es Kinder aber sollten. Sie mussten selbst denken, während ringsum Gewalt, Hunger und Einsamkeit ihren Alltag bestimmten. Und die frühen Wunden prägten sie für immer: Wer einmal so gelebt hat, legt wohl nie ganz ab, bereit zur Flucht zu sein. Wir lasen von früheren Wolfskindern, die im Erwachsenenalter davon berichteten, dass stets alle Habe in eine Tasche passen muss und dass es immer wichtig war, Vorräte anzulegen. Der nächste Hunger kam bestimmt.
Fakten, die bleiben
Wie Kittys Geschichte entstand
Aus dieser Erschütterung heraus entstand unsere Romanfigur Kitty, deren Vergangenheit sich im Verlauf von Im Sturm an deiner Seite (Kindersuchdienst 2) enthüllt. Ihre Geschichte vereint das Schicksal eines Wolfskindes mit einer Schuld, die sie ihr Leben lang mit sich trägt: Als Kind hat sie ihren kleinen Bruder Karl auf einer Bank zurückgelassen und ihm Kuchen aus Litauen versprochen. Ob unsere Suchdiensthelferinnen Annegret und Charlotte es schaffen, Kitty und Karl, siebzehn Jahre nach Kriegsende zu vereinen?
Eine Stimme für die Vergessenen
Unseren Roman Im Sturm an deiner Seite (Kindersuchdienst 2) haben wir auch geschrieben, um den Wolfskindern eine Stimme zu geben. Die Nachwelt soll erfahren, was Kinder auf Grund von Kriegen durchmachten, und warum Wolfskinder, heute Großeltern und Urgroßeltern und oft bereits verstorben, so sind, wie sie sind. Der Roman erscheint am 31.1.2027 bei Ullstein Taschenbuch.

